SCH-Bike-Tour 2007

 
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Weitere Bilder findest du am Ende des Berichtes


 

Bericht zur Bike-Tour 2007

(16.–19. August im Allgäu/D)

von Maximilian Brand

Bayern im Allgemeinen und das Allgäu im Besonderen ist immer eine Reise wert. Wer das so an der letztjährigen GV sagte, musste es ja wissen. Die Rede ist von Edi Brand, unserem bewährten Bike-Organisator der letzten Jahre. Bayern sowie das Allgäu kennt er darum so gut, weil er dort mit seiner Familie viele Jahre die Sommer- oder Herbstferien verbrachte. Es darf gleich vorweggenommen: Er hat auch dem diesjährigen Anlass wiederum zum vollen Erfolg verholfen. Wir schulden ihm grossen Dank und Anerkennung.

Gross war bei den Tour--Teilnehmerinnen und Tour-Teilnehmern schon die Vor-freude, weil sie in Bezug auf das Gastland folgendes erwarten durften: keine langen Anfahrtswege, „man spricht deutsch“, gewohnte Ess- und Trinkkultur, vorzügliche Beherbergung. Ferner: Fantastische Feld-, Wald- und Alpenstrassen, herrliche Berge, Hügel, Burgen und Schlösser, eindrucksvolle Kirchen, Klöster, Dörfer und Städte, bezaubernde Wälder, Bäche und Flüsse usw. All das fast im Überfluss. So wie wir es eben auch in der Schweiz vorfinden, nur vielleicht noch um einen Zacken schöner und intensiver.

Hier nun mein Tourbericht in der Gegenwartsform. Ursprünglich wollte ich daraus bloss eine Kurbericht machen. Nun ist er – unter Beanspruchung der „künstlerischen Gestaltungsfreiheit“ halt etwas länger geraten. Die Lektüre indes ist und bleibt freiwillig. Viel Spass!

1. Tag: Anreise und Wassertaufe
Zugegeben, die Erfahrung mit dem Wetter in diesem Jahr sowie die Wetterprognose für den Rest der Woche verpassen unseren Erlebniserwartungen automatisch einen Dämpfer. Und als es auf der Hinfahrt nach Füssen fast Bindfäden regnet, die Wolken fürchterlich tief hängen und sogar stellenweise Nebel auftritt, wähnt man sich eher im Herbst. Verständlich, dass die Motivation zum Biken „atätscht isch“. Noch aber dürfen/sollen/müssen wir nicht pedalen, weil wir ja noch gar nicht am Bestimmungsort angekommen sind.

Nach rund 2 ½ Std. reiner Fahrzeit via Bregenz, Oberstaufen und Immenstadt ist es dann doch soweit. Wir sind bei unserer Bleibe für die kommenden drei Tage, dem Hotel Filser in Füssen eingetroffen. Es ist ein gut geführtes und sehr ruhiges Dreisternhotel in unmittelbarer Nähe zum Stadtzentrum. Mit „wir“ sind in alphabetischer Reihenfolge gemeint: Brand Eduard, Brand Maximilian, Hollenstein Franz (Anreise am Abend), Meile Erwin, Molkenboer Kiki, Van Caenegem Elisabeth, Widmer Hanny und Wohlgensinger Peter. Wegen eines Reitunfalls ihrer Tochter am Vortag musste Widmer Astrid begreiflicherweise auf den Bike-Event verzichten. Gute Besserung auch von hier aus. Der Einfachheit halber führe ich nachstehend meine lieben Bikerkolleginnen und Bikerkollegen nur noch mit ihrem Vornahmen auf. Ein-verstanden?

Für den Nachmittag, d.h. in etwa 1 ½ Std., ist eine Flachetappe von rund 3 Stunden Dauer bzw. 65 Km Länge angesagt. Gut zum Einfahren. Zwischenzeitlich hat es sogar aufgehört mit regnen. Die Sonne aber macht absolut keine Anstalten für einen direkten Auftritt. Über bestens ausgebaute Rad-, Feld- und Waldwege geht es zügig entlang des Forggensees in allgemeiner Richtung München.

Bald einmal kehren wir zur verspäteten Mittagsverpflegung ein. Die spontane Wahl fällt auf eine ansehnliche Beiz in der Nähe eines grösseren Campingplatzes. Auf den ersten Blick stimmt alles. Der erste Eindruck soll ja bekanntlich der beste sein. Aber was uns dann mit der Fleischsuppe gegenständlich aufgetischt wird, macht sogenanntem Gammelfleisch ziemlich viel Ehre. Hanny meint, Assekuranzfleisch von früher wäre da geradezu ein Festmahl. Jedenfalls „böckelet“ die Suppeneinlage stark. Mögen sich die Deutschschweizer und die Bayern ja noch so ähnlich sein, in der spezifischen Geschmackswahrnehmung von Suppenfleisch gibt es erhebliche Differenzen! Der Beweis dazu liefert die Frau Wirtin selber. Sie findet das Süppchen vorzüglich und ist keineswegs gewillt, dieses zurück zu ziehen. Mit einer wackeren Portion Gewürz und zusätzlichem Gemüse - ein angewandter Veredlungsvorschlag von mir - gelingt tatsächlich eine ansprechende Geschmacksneutralisierung der Suppe. Sie ist nun halbwegs geniessbar. Anmerkung des Autors: Das Ding (die Suppe) war offenbar doch nicht wirklich bösartig veranlagt, ansonsten dieser Bericht wohl definitiv ausgeblieben wäre oder? Der Gerechtigkeit halber sei hier aber mit allem Nachdruck festgehalten, dass wir nachher im Allgäu immer und überall ausgezeichnet gegessen haben. Am Besten beim Italiener!

Bei der Weiterfahrt nach dem ersten Etappendrittel setzt wieder Regen ein. Zuerst nur sachte, aber dann immer heftiger. Edi und Erwin bevorzugen bald einmal einen verkürzten Heimweg. Wollen die einfach auf billige Weise abschleichen oder sind sie am Ende doch die Schlaueren? Nun, diese Freiheit wird ihn grosszügig gewährt.

In der stattlichen Ortschaft Lechbruck suchen Elisabeth, Hanny und ich Unterschlupf unter dem Vordach eines Einkaufsladens. In der Konzeption ist der Laden einem Aldi sehr ähnlich. Wir verlegen das Warten nach drinnen in die Brot- und Kaffeeabteilung. Bei einer Tasse Cappuccino bzw. einer heissen Schokolade und Feingebäck fällt uns das ja auch nicht sonderlich schwer. Die Spekulation auf weniger oder gar keinen Regen allerdings geht dabei nicht auf. Und noch länger warten ist wenig verheissungsvoll. So müssen wir halt zwangsläufig wieder auf die Strasse. Kiki und Peter haben übrigens diesen unfreiwilligen Boxenstopp nicht eingeschaltet. Im Gegenzug haben sie aus freien Stücken eine Zusatzschleife von weiteren 15 Km genommen, bei diesem Sauwetter. Gottlob ist die Temperatur trotz allem recht angenehm, sodass die Regenfahrt, einmal in zweckdienliche, moderne Sporttextilien eingekleidet, keineswegs zur Tortur wird.

Meine Wenigkeit muss auf der Rückfahrt hinter den zwei Bike-Ladies, Elisabeth und Hanny, sichtlich leiden. Das Tempo ist nämlich mehr als oberflott. Die Beiden schweben buchstäblich wie auf Luftkissen dahin, so wie Göttinnen: elegant, mit stupender Souplesse, ohne jegliche Müdigkeitserscheinungen und einem entwaff-nenden Lächeln im Gesicht. Dazu sportlich sackstark und stets grosse Gänge drehend. Das tun sie unverwechselbar, genau wie Kiki jeweilen auch. Geradezu fürsorglich warten dann Elisabeth und Hanny eingangs Füssen auf mich und überliessen mir grosszügiger Weise sogar die Führung bis zum Hotel. Echte Bike-Ladies verhalten sich immer so.

Edi und Erwin, scho tuschet, putzt und gschtrählet, laben sich in der Lobby an einem kühlen Bier, als wir drei ankommen. Die Welt ist ungerecht, denke ich. Derweil Kiki und Peter von ihrem „extended run“ um Einiges später eintreffen. Zum Glück gibt es auf den Zimmern ein Föhngerät, denn unsere Schuhe sind seichnass. Zwischen-zeitlich ist auch Franz, unser geschätzter Präsi, im Hotel eingetroffen. Freude herrscht. Er hatte noch den ganzen Tag gearbeitet.

Gegen sieben Uhr dreissig gehen wir in die Stadt zum Nachtessen. Wo genau wissen wir noch nicht. Im Vorfeld des Füssener Stadtfestes wird es dann im Verlaufe des Abend hoch zu und her gehen und in der Folge verdammt spät werden. Welch ein Vorteil, dass das Hotel nahe liegt und niemand von uns fahren muss! Individuell, so denke ich, ist das Gebot der minimalen Nachtruhe trotzdem einge-halten worden. Eine zwingende Voraussetzung, um bei der morgigen Bergetappe (einigermassen) bestehen zu können. Für die Senioren im Team ist dies eine sportliche Herausforderung und Ehrensache gleichzeitig.

2. Tag: Des Bikers Paradies, die Berge
Das Frühstücksbuffet ist grossartig angerichtet. Trotzdem verspüren nicht alle Biker/Bikerinnen vom SCH den gleichen Appetit oder lassen dieses sogar aus. Um neun Uhr sind wir Alle parat zur Routenbesprechung des Tages. Edi hat da wieder alles perfekt vorbereitet, d.h. Orte und Routen ein paar Wochen vorher persönlich vor Ort rekognosziert bzw. abgefahren, dabei alles vermessen und aufgezeichnet (Höhenmeter, Distanzen, Steigungsprozente, Sehenswürdigkeiten, Verpflegungs-möglichkeiten, Rastplätze usw.). All diese Daten hat Edi dann auf einen farbigen Kartenausschnitt von kleinem Massstab übertragen. Dieses wertvolle Kartenmaterial drückt er uns täglich vor der Abfahrt in die Hand, damit alle stets gut durchkommen und wirklich niemand verloren geht. Diese Art von Betreuung ist eigentlich legendär. Nur pedalen muss jeder/jede selber. Also nun Helm, Brille und Rücksack auf, Handy an, Bidon in den Halter, auf das Aluross und ab die Post!. Na, na, na, so militärisch geht es am Morgen bei uns trotz viel Disziplin nicht zu und her. Nur damit das auch mal gesagt ist.

Noch ist vom Regen der Nacht alles ringsum nass. Nebel entsteigt den Feldern, die Wolken hängen tief, genau wie am Vortag. Und frisch ist es auch noch. Aber einmal die Karawane in Bewegung, kann sie von fast niemandem und nichts mehr gestoppt werden.

Heute geht es in westlicher Richtung gen Bodensee. Von dort her soll es laut Meteo im Verlauf des Vormittags aufklaren und abtrocknen. Sogar etwas Sonnenschein wird in Aussicht gestellt. Bis zum Znünihalt in Pfronten (18 Km) verläuft die Strecke fast ausnahmslos bergwärts durch wunderbare, abwechslungsreiche Natur. Und das ohne jemals ein Auto kreuzen zu müssen. Fürwahr, die Lust zum Biken kehrt schnell wieder zurück. Dazu stimmt auch die Chemie unter einander.

In einem Landcafé eingangs Pfronten – der Ort brachte etliche deutsche Skigrössen hervor und führte bis in die Siebzigerjahre jeweils Weltcupskirennen für die Frauen durch – können wir uns stärken und “häuten“: Langarmbekleidung, Gilets oder Velojacken verschwinden nun im Rucksack. Schliesslich wartet unmittelbar darauf der Kalberg im benachbarten Oesterreich auf uns. Tatsächlich bildet die deutsch-österreichische Staatsgrenze hier in der Umgebung so etwas wie einen „Pruntruter-zipel“. Bei der Weiterfahrt ausgangs Pfronten geht es längere Zeit leicht ansteigend dem „Roten Erzbach“ entlang, einem ziemlich Respekt einflössenden Gebirgswasser. Dann folgen mehrere Rampen, die den Puls ungnädig in die Höhe schnellen lassen. Nach geraumer Zeit – so gegen elf Uhr - erreichen wir ein Hochplateau. Dieses ähnelt stark dem Urnerboden, ist aber um Einiges kleiner. Hernach sind spezifische Fahrkünste durch den feuchten Wald und das angehende Moorland gefragt. Dieses Teilstück ist garniert mit der Überquerung von schmalen Holzstegen und kurzen Schiebepartien. Die Schlusssteigung schliesslich fordert uns alles ab, denn sie ist satanisch steil. Elisabeth produziert dabei einen absolut filmreifen und wirklich fürchterlich aussehenden Abgang. Eigentlich ist es ein Absturz. Wegen der enormen Steigungsprozente auf den letzten Metern dreht nämlich ihr Hinterrad durch, so dass sie auf dem Velo praktisch still steht. Und weil sie in dieser Phase unglücklicher-weise den Fuss nicht aus den Klickpedalen kriegt, fällt sie im Zeitlupentempo auf die Seite…..den Abhang hinunter!! Gottlob besteht dieser aus Alpweideland, was die lange Landung abfedert. Aber Elisabeth wäre nicht Elisabeth. Sie krappelt ohne eine Miene zu verziehen wieder hoch und steckt den Zwischenfall einfach weg.

Just hinter der Wegbiegung baut sich das „Landhotel Rehbach“ in seiner vollen Grösse und Pracht auf. Es ist eine echte Oase der Ruhe, die da hinten bzw. da oben kein Mensch erwarten würde. Dennoch, das Ding ist ganz schön abgelegen, aber über eine befestigte Fahrstrasse auf der Rückseite gut erreichbar. Weit und breit ist kein anderes Gebäude zu sehen, nur Wald, Weideland und felsige Berge ringsum. Die Aussicht selber ist nicht umwerfend. Es muss wohl die absolute Ruhe, die Bauweise (Landhausstil) sowie der erstaunlich hohe Ausstattungs- und Leistungs-standard dieses Landhotels sein, welche hier Hotelgäste und Passanten anziehen. Für echte Romantiker ist es so oder so ein Geheimtipp.

Das Mittagessen lässt wohl etwas auf sich warten, schmeckt aber vorzüglich. Ebenso das Bier. Für die Weiterfahrt zeigen die SCH-Bikerinnen und SCH–Biker keine besondere Eile. Warum auch, mit diesen vollen Bäuchen. Der Tag ist ja noch lang und die Rückreise rund um das Tannheimergebirge via das Achtal nicht wirklich anspruchsvoll. Einen aber hat da der Hafer doch noch gestochen. Der plädiert spontan für eine substanzielle Erweiterung der Tagesetappe, die so aussehen könnte: diesseits des Oberjochs hinauf und drüben hinunter nach Hindelang und das selbstverständlich wieder zurück. Mehr oder weniger alles auf Asphalt. Die zur Debatte stehenden, zusätzlichen Höhenmeter sowie Leistungskilometer (etwa drei Stunden Fahrzeit) haben offenbar absolut abschreckende Wirkung auf die Andern. Denn niemand ausser mir verspürt diesen unbändigen Drang nach Hindelang.

Wie Pfronten, so war auch Hindelang (A) früher ein berühmter Austragungsort für Weltcupskirennen, allerdings ausschliesslich für Riesenslalom bei den Herren. Ich glaube, dass da auch Schweizer gewönnen haben. Edmund Bruggmann vielleicht? Nach eingehendem Kartenstudium, Überprüfen der Verpflegungsreserven, Ersatz-kleider und Tranksame im Rucksack sowie der notwendigen Barschaft für alle Fälle, und letztlich versehen mit dem brüderlichen Segen, verabschiede ich mich frohen Mutes von der SCH-Truppe. Nächstes Ziel also: Hindelang. Freilich ist das Ganze kein Spaziergang. Zur allgemeinen Beruhigung übermittle ich ab und zu Positions-meldungen per SMS auf das Handy von Edi, unserem Chef. Um spätestens sechs Uhr abends möchte ich in Füssen zurück sein. Nun wird es halt acht Uhr. Mein persönlicher Endzustand: kaputt, aber stolz und glücklich. Alte Bikerfritzen sind so.

Wer nun meint, die Andern seien an diesem Nachmittag schön brav auf dem geplanten Weg via Tannheim und Pfronten nach Füssen zurück gefahren, der täuscht sich. Offenbar wurden Kiki, Erwin, Franz und Peter ebenfalls von diesem ominösen Hafer gestochen, ansonsten sie nicht zu einer Heimkehrvariante der besonderen Art aufgebrochen wären, wie nachstehende Beschreibung aufzeigt.

Bekanntlich gibt es südlich von Pfronten das Tannheimer Gebirge mit dem Rossberg auf genau 2000m. In der Ausdehnung ist dieses etwa 25 Km lang und 15 Km breit. Sowohl auf der Nord- wie auf der Südseite führen Seilbahnen auf die Anhöhen, um dort Ski- und Sessellifte zu bedienen. „Warum nicht einfach mit der Seilbahn bei Gran (im Süden) hinauffahren und dann quasi als ultimativen Kick des Tages auf der Nordseite ins Vilsertal hinunter stechen, statt diesen Gebirgszug einfach umfahren?“, fragten sich die vier unbekümmert. Aus strategischer Sicht sprach eigentlich nichts dagegen, aus operativer Sicht sind dort oben auf der Karte fast keine Fahrstrassen eingezeichnet. Eine überraschungsfreie Durchführbarkeit durfte somit etwas angezweifelt werden. Doch auch hier gilt: Wo ein Wille, ist auch ein Weg.

Getreu diesem Grundsatz entfernte sich die „Viererbande“ bald einmal in Richtung Grin zur Talstation der dortigen Luftseilbahn. Selbstverständlich nicht, ohne vorher dieses Vorhaben mit Edi, unserem Chef, definitiv abgesprochen zu haben. Wahr-scheinlich ist diesem (Edi) das Einverständnis gar nicht so schwer gefallen, war er nun für den Rest des Nachmittags absoluter Hahn im Korb bei den verbleibenden Bikerkolleginnen Elisabeth und Hanny. Ob Kiki als einzige Frau in der „Viererbande“ wenig später vor dem eigenen Mut erschrocken war, oder ob da die reine Vernunft obsiegte und sie schliesslich von diesem vermeintlichen Downhill-Abenteuer ab-kam (um postwendend alleine via die Talstrassen nach Füssen zurück zu fahren), lässt sich im nachhinein nicht mehr schlüssig eruieren. Letzteres erscheint mir dennoch am wahrscheinlichsten. Denn Kiki wollte an diesem Abend noch bei Zeiten mit ihrem Auto nach Zürich heimfahren, weil sie anderntags mit ihrem frisch angetrauten Ehemann zu einer Hochzeit geladen war. Schön, dass sie trotzdem mitgekommen ist und uns durch ihre total aufgestellte, fröhliche Art begleitet und erfreut hat.

Unsere drei Jungs indessen mussten nach der Bergstation der Luftseilbahn bald einmal eine echt deprimierende Tragpartie in Kauf nehmen und mit dem Bike auf dem Puckel dreiviertel Stunden die Nordflanke hinunter kraxeln. So ein Scheiss. Im Tal und nachher im Hotel in Füssen kamen sie wohl heil an, aber spät, ebenfalls kaputt und ziemlich verärgert. Gott straft sofort. Die Kerngruppe (Edi mit Elisabeth und Hanny) sowie Kiki hatten an diesem zweiten Bikertag rund 70 Leistungs-kilometer absolviert, die Ausreissergruppe (Erwin, Franz und Peter) wohl etwas weniger. Von mir (Hindelang-Mäx) bzw. meiner Tagesleistung spreche ich nicht gerne in der Öffentlichkeit. Ein echter Gentleman schweigt vornehm.

Abends gehen wir gemeinsam zum Italiener. Speise und Trank sind dort vorzüglich. Vorzüglich ist auch die Bedienung, eine sehr tüchtige und gleichzeitig schöne Mischung aus Sophia Loren und Audrey Hepburn (in ihren besten Tagen, wohlverstanden). Nur lächeln tut sie nie. Warum eigentlich nicht?

Zur Nachtruhe kommt die muntere SCH-Bikergruppe an diesem Abend viel früher als noch Stunden zuvor. Und sehr gesittet führt sie sich ebenfalls auf. Vielleicht aus lauter Respekt vor der morgigen Königsetappe?

3. Tag: Die Königsetappe voller Überraschungen

Das Wetter ist den Bikerinnen und Biker vom SCH mittlerweile wieder wohlgesinnt, weil nun auch die Temperaturen stimmen. Von daher beste Voraussetzungen. Das belebt Seele und Gemüt. Es ist 09.00 Uhr, Zeit für die heutige Tourbesprechung mit Edi. Alle erscheinen topmotiviert. Edi legt noch einen drauf. Mit grosser Begeisterung schildert das, was heute auf uns zukommen sollte: eine tolle Tour und noch Einiges mehr.

Heute werden wir im östlichen Teil von Füssen herumturnen. Zuerst im Flachland, das mehrheitlich aus landwirtschaftlichem Kulturland besteht. Die Gegend dort ist harmonisch durchmischt mit Siedlungen, Dörfern, Feld- und Landstrassen, Bächen, kleinen Seen und selbstverständlich auch mit Gebüsch und Wald. Punktuell überragt wird dieses Gebiet jeweils von schneeweissen Barrockkirchen mit ihren prächtigen Kirchtürmen. Diese sind mit einer Zwiebelkuppe aus Kupfer und einem langen Blitzableiterstab versehen (wie in Mühlrüti, Mosnang, Libingen auch). Die katholische Religion mit all ihren Bräuchen und Traditionen spielt hier nach wie vor eine wichtige Rolle. Die CDU/CSU lässt grüssen.

 

 

Nach etwa zwei Fünftel der heutigen Königsetappe, also gegen Mittag, führt die Fahrt definitiv in die Nordhänge der Bayerischen Alpen. Ferner werden uns die Wälder auf den ruppigen Aufstiegen bis zum Kulminationspunkt „Scharzenköpfel“ (1100 M) und weit darüber hinaus begleiten. Dann wird eine genussreiche, lange Abfahrt bis in die Ebene hinunter folgen und zum letzten, mehrheitlich flachen Teil der Rückfahrt nach Füssen hinüber leiten. Zum Abschluss erwartet uns ein königliches „Pièce de Résistance“, um den Tag nach rund 70 Leistungskilometern würdig zu beenden. Ursprünglich hatte Edi von dort aus noch eine sehr gebirgige Zusatzrunde von 35 Km eingeplant. Er hat sie aber auf den morgigen Sonntag verlegt, für diejenigen, die dann noch können und wollen. Wie er diese ganze Königsetappe bei der Rekognoszierung in einem einzigen Tag hinter sich brachte, wissen nur er und die Götter. Über den diesbezüglichen Wahrheitsgehalt bestehen dennoch absolut keine Zweifel und seine Leistung verdient unsere allergrösste Bewunderung.

Aber jetzt zum Tourgeschehen. Mit sattem Tempo geht’s in Füssen zunächst mal um alle Hausecken herum, über Trottoirs und Füssgängerstreifen (nur in absoluten Einzelfällen), durch Parks und Unterführungen, über einzelne Brücken der Lech und Radwege hinaus aufs Land. Edi findet da wie von Navigationssateliten oder Geisterhand geleitet immer den richtigen Weg. Leider nicht alle Andern. Denn plötzlich wird das Fehlen von Erwin und Peter registriert. Zunächst mal betretenes Schweigen und Staunen und Warten, dann Absetzen von mehreren Handy-Anrufen und SMS-Mitteilungen. Leider ohne jegliches Echo. Edi fährt ein Stück des bisherigen Weges zurück, kommt aber bald wieder…. ohne Erwin und Peter. Die sind buchstäblich verloren gegangen und bleiben für uns vorläufig verschwunden. Wäre das draussen auf der Strecke oder spezifisch im Gebirge passiert, so hätten wir sicher Alarm schlagen müssen. Jetzt aber standen wir noch im Einzugsgebiet der Stadt, weshalb uns die Weiterfahrt ohne die Beiden letztlich doch nicht so viel Bedenken verursacht. Natürlich vermissen wir die zwei Haudegen sehr, diese unsere wunderbaren Kumpel und exzellenten Biker, und zwar den ganzen Tag über.

Am ersten Teiletappenziel ist ein Objekt mit kulturellem Hintergrund zur Besichtigung vorgesehen: die wohl weit und breit mit Abstand schönste Barock-Wallfahrtskirche „Wies bei Steingaden“, rund 25 Km in nordöstlicher Richtung von Füssen entfernt und abseits von jeglichem Rummel. Da draussen sagen sich die Füchse und Hasen, Rehe und Hirschen täglich gute Nacht. Und nur die, denn nebst dem Pfarrhaus und zwei Pilgerherbergen gibt es hier in Gottes freier Natur fast keine häuslichen Bewohner (mehr). Bloss noch Rindvieh auf den etwas kärglichen Weiden. Den Wallfahrtsort erreicht man über sternförmig angelegte Feld-, Wald- und Landstrassen. Letztere sind wohl geteert, aber schmal.

Nach Ankunft an dieser geheiligten Stätte, so gegen Mittag, nehmen wir uns ordentlich Zeit, um uns mindestens optisch wieder auf ein vorteilhaftes Niveau zu bringen. Will nachher heissen: ordentlich gewandet, geputzt und gekämmt. So treten wir dann andächtig ins Gotteshaus von der Grüsse der Kirche in Mühlrüti. Alleine schon das Äussere der Kirche vermag ausser-ordentlich zu beeindrucken. Was wir aber drinnen an Pracht antreffen, beraubt einem Sinne und Atem gleichzeitig. Diese Schönheit – und das in vielerlei Hinsicht – ist einfach umwerfend. Eine ordentliche Beschreibung würde Dutzende von Seiten verschlingen, weshalb man am besten gleich selber dorthin fährt, guckt und staunt.

Die Kirchenbesichtigung hat ordentlich Hunger verpasst. Wir kehren deshalb in die nächstgelegene Pilgergaststätte ein. Ob hier das Fleisch auch „böckelet“? Für dasjenige aus der Küche gibt es jedenfalls nicht die geringste Veranlassung, die Frage auch nur schon zu denken. Die Verpflegung hier ist super gut und das zu einem absolut anständigen Preis. Hut ab.

Mit uns am Wallfahrtsort „Wies bei Steingaden“ sind erstaunlich viele andere Radfahrer zu gegen. Das Allgäu ist eben ein Radfahrerparadies mit unzähligen, voll ausgebauten Radwegen. Gerade auch für ältere Leute und Feriengäste angelegt. Einer dieser Tourenradfahrer ist mir aufgefallen. Nicht nur wegen seiner strammen Wädli. Seine Hightech-Maschine ist schwer beladen. Ich quatschte ihn an. In der Folge stellt sich heraus, dass er und seine Teamkollegen - alle wahrscheinlich über sechzig/fünfundsechzig – jedes Jahr von Australien nach Europa fliegen und dann während etwa drei Wochen ausgedehnte Velo-Touren absolvieren. Noch vorletzte Woche waren sie in Amsterdam gestartet und haben in der Zwischenzeit Belgien, Frankreich und die Schweiz durchquert. Wohlverstanden mit dem Velo. Ob sie dann in München aufhören werden, steht noch offen. Da staunen wir nicht schlecht. Im Gegenzug könnten wir doch nächstes Jahr unsere Bike-Tour in Australien abholten oder?

Erwartungsgemäss kommen wir bei der Weiterfahrt – wie schon angetönt - in ausgedehntes, aber keineswegs flaches Waldgebiet. An einer stattlichen Wegkreuzung stehen jüngere Leute mit Fahrrädern herum, gestikulierend und irgendwie verzweifelt in alle vier Himmelsrichtungen starrend. Man sieht ihnen an, dass sie ein bestimmtes Problem haben. Es sind Franzosen, die auf der Fährte irgend eines Landesheiligen zwischen dem Bodensee und München die Orientierung verloren haben. In fliesendem Französisch erklärt ihnen Edi mit seinem umfassenden Kartenmaterial das gegenwärtige „wo“ und das zukünftige „wohin“. Die Mienen dieser armen Teufel hellen sich daraufhin schlagartig auf. Auch bedanken sie sich höflich, was bei Franzosen nicht so selbstverständlich ist.

Ein paar weitere Kilometer später setzt sich die Serie der kleinen und grossen Überraschungen fort. Da gibt es, angelegt zwischen der Strasse und der „Halbammer“, so der Name dieses ansehnlichen Bergbaches, einen befestigten Parkplatz für etwa ein Dutzend Autos. Wahrscheinlich handelt es sich um den Ausgangspunkt für Jäger und Wanderer. Dort treffen wir auf ein jüngeres Paar, das sich sehr verärgert gibt. „Aha, offenbar Leute, die uns Biker am Liebsten auf dem direktesten Weg zur Hölle schicken möchten“, denke ich. Dem ist aber nicht so. Im Gegenteil. Die brauchen dringend unsere Hilfe und zwar in dieser Reihefolge: zuerst hirnen und dann chrampfen. Ihr Problem besteht nämlich darin, dass eine besonders ausgeprägte Intelligenzbestie, welche das Hirn wahrscheinlich nur als Füllmasse nützt, mit dem Auto die Wegfahrt für das Paar total versperrt hat. Das erinnert mich an die glorreichen Sturm- und Drangjahre der Brandäbuebä, wo zur Winterszeit manchmal zwischen dem Freihof und der Ricketschwendi ein im Schnee festgefahrenes Auto der Familie (vornehmlich VW-Käfer) mit reiner Rohkraft umgehend wieder flott gemacht wurde. Also Männer, hebt an! Schon bald kann das strahlende Paar seinen Wagen wieder in Beschlag nehmen und glückstrahlend von dannen fahren. Das Auto des vermeintlichen Bösewichts rücken wir wieder zurück. Aber so, dass wir bis heute nicht wissen, wie lange dieser auf fremde Hilfe warten musste. Denn alleine ist er bestimmt nicht aus der Klemme gekommen.

Jetzt folgt der Weg für etliche Kilometer in diesem stark bewaldeten Tobel der „Halbammer“ aufwärts bis zu der Stelle, die wahrscheinlich dem Heiligen Christopherus das Herz hätte höher schlagen lassen. Es gilt nämlich die „Halbammer“ watend zu überqueren. Die „Halbammer“ ist hier ziemlich breit und legt einen wackeren Zug an den Tag. Die Tiefe des Wassers hingegen stellt kein eigentliches Hindernis dar. Wie bringe ich Schuhe, Socken und Bike in trockenen Zustand auf das andere Ufer, lautet jetzt die Frage. Zudem sie die Steine im Bach echt spitzig und glitschig und das Wasser saukalt. Alle Beteiligten lösen die nicht alltägliche Aufgabe mit Bravour. Jedenfalls sind die Velos und Rücksäcke trocken geblieben. Das allein zählt. Dann folgt eine ziemlich anstrengende Durchquerung von Urwald ähnlichem Niemandsland, bis wir auf den von Edi direkt angesteuerten Waldweg stossen. Auf diesem geht es längere Zeit, dafür unerbittlich aufwärts. Ist mehrheitlich fahrbar. Endlich erreichen wir wieder Alpweideland und damit auch bessere Strassenverhältnisse. Wir befinden uns jetzt auf dem rückwärtigen Gebiet der Allgäuer Alpen und sind fast ausnahmslos von Felszügen in östlich-westlicher Ausrichtung umringt. Nix mit Talsicht von hieraus. Mit entschlossenem Tritt in die Pedalen streben wir nun definitiv dem Kulminationspunkt der heutigen Strecke entgegen, der etwa auf 1300 Meter liegt. Im Flachland waren es knapp 770 Meter. Alles läuft super gut, niemand hat Probleme. Gegen drei Uhr sind wir oben. Es tut sich ein weiteres Hochplateau mit Alpweiden auf. Da sind auch wieder Gebäude (Alpstadel) zu entdecken und auch Wanderer. Schön ist es hier oben. Aber zum Anhalten verspürt von uns niemand so richtig Lust. Nur weil es keine Beiz gibt? Die Abfahrt, anfänglich auf einer recht breiten Naturstrasse und dann auf Asphalt, gestaltet sich schlicht und ergreifend zu einer affengeilen Angelegenheit. Sie ist berauschend bis fast zum Dilierium und dauert solange, bis uns die Handgelenke und die Schulterpartien schmerzen. Also ausreichend lang.

Nach einigen Kilometern unten im Tal, bei denen wir uns wieder mit regem Strassenverkehr konfrontiert sehen, gelangen wir am Rande eines dieser typischen Dörfer zu einem schmucken Kaffeehaus. Ausser uns sind da nur Frauen zu Gast. Eher Zufall als Programm. Wie tut das gut, endlich wieder auf einem fein gepolsterten Stuhl, statt auf einem beinharten Velosattel zu sitzen. Wir geniessen herzhaft den Cappuccino mit Apfelstrudel oder mit einem Eis. So ein Coupe Dänemark bzw. Bananensplit verpasst einem dringend benötigte Kalorien für die Weiterfahrt, auch wenn es gemäss Ernährungslehre vielleicht sogar ein Sünde sein könnte. Aber Sünde sind wir ja Alle oder?

Nach einer guten halben Stunde sind wir wieder draussen. Das Aufsitzen schmerzt. Ist ja bereits vier Uhr und der Tag schon lang. Auf wechselndem Untergrund - einmal Asphalt, dann Feldweg, hernach Waldweg, schliesslich ein Singletrail mit Schlaglöchern - geht es zügig weiter über die Ebene bis Hohenschwangau bei Füssen. Die zwei Dienstältesten, Edi und meine Wenig-keit (der Hindelang-Mäx), müssen sich hinten arg am Riemen reissen, um mithalten zu können. Ja, ja, die Jungen verspüren immer so Stalldrang. Gehört nun mal zu diesem Geschäft.

Nicht der Ort Hohenschwangau ist weltberühmt, sondern ein Schloss in dessen Nähe. Und zwar ein ganz besonderes: Das „Schloss Neuschwanstein“. Vielleicht das Schloss aller Schlösser in ganz Deutschland. Ein veritables Märchenschloss, erbaut 1869-1884. Es war das erklärte Lieblingsschloss von König Ludwig II von Bayern (gest. 13.06.1886). Einfach umwerfend. Siehe auch www.neuschwanstein.de. Es bildet Bestandteil des sog. UNESCO-Weltkulturguts. Jährlich wird es von über 1.3 Mio Personen besucht. Das macht im Durchschnitt 3'500 pro Tag und 400 pro Stunde, wäre das Ding jeden Tag neun Stunden geöffnet. An schönen Tagen von Frühling bis Herbst, speziell aber während der Touristenhochsaison, sind es viel mehr. Davon konnten wir uns selber ein Bild machen, wie nachstehend beschrieben wird.

Als besonderen Leckerbissen hat uns Edi einen „Ritt“ zum besagten Schloss aufbewahrt. Rein fahrerisch hat so etwas für einen Biker immer seinen Reiz, weil die Zufahrt von unten (Hohenschwangau) etwa 1.5 Km und die Steigungsrate 12-15 Grad betragen. Kurz und heftig also. Die Zufahrtsstrasse ist geteert, breit und autofrei. An diesem 18. August jedenfalls ist sie derart stark bevölkert, dass man auf den Köpfen der Touris marschieren könnte. Viele Hundertschaften sind also unterwegs: Leute die hinauf und Leute die hinunter wollen und dann noch solche, die auf der Strasse einfach stehen bleiben. Da sich mit dem Bike dem Strassenrand entlang hochquetschen, mag seinen Reiz haben. Ist aber verdammt mühsam. Alpe d’Huez lässt grüssen. Oben jedenfalls wird man grosszügig belohnt durch die schiere Pracht „Neuschwanstein’s“. Wenn nur nicht diese vielen Leute wären! Das Schloss innen zu besichtigen ist eine Angelegenheit von langen Wartezeiten und lohnt sich nur bedingt. Denn innen erfüllt „Neuschwanstein“ nicht jedermanns Erwartungen.

Eine Verlängerung rechts um das Schloss herum führt zu einer höher gelegenen Brücke. Von dort aus hat man die allerbeste Sicht auf dieses Juwel. Hinunter nach Hohenschwangau geht es dann für Biker quasi in der Direttissima via einen angehenden Downhill-trail. Schlussbemerkung: Das ganze Programm mit dem Schloss ist und bleibt ein echtes „Muss“.

Einmal unten ist es nicht mehr weit bis Füssen. Da gibt es gute Fahrradwege. Sie sind aber nicht harmlos, weil sie oftmals durch den Wald führen und kurvenreich (=unübersichtlich) angesetzt sind. Achtung auf Gegenverkehr und dumme Fussgänger.

So geht auch unser dritter Bike-Tag in jeder Beziehung sehr erfreulich zu Ende. Freude herrscht, weil mittlerweile auch unsere zwei Vermissten, Erwin und Peter, selbständig und weitgehend „unversehrt“ wieder zurück gefunden haben. Die zwei hatten sich im nicht allzu entfernten Ammergebirge (max.1950 M) ziemlich verirrt und weit mehr Höhenmeter sowie Leistungs-kilometer gemacht als die Kerngruppe. Die Gegend dort ist tatsächlich ziemlich unwirtlich und für Biker entsprechend schlecht erschlossen. Unterwegs gab es, nach Aussagen von Erwin und Franz, keine einzige Beiz. Wirklich? Erst um 17.15 Uhr fanden sie das erste angeschriebene Haus. Am liebsten hätten so dort ohne Vorwarnung die halbe Küche und den halben Biervorrat geleert. Verständlich, denn nur mit zwei Appenzeller-Biberli, ein paar gedörrten Zwetschgen und einem Bidon voll Tee haben sich im Verlaufe des Tages persönlich enorme Energie- und Wasserdefizite aufgebaut. Mit fortschreitender Zeitdauer nahm der Zustand unserer beiden Hochgebirxgler sogar bedenkliche Formen an: wirre Sprache, eingetrübter Blick und schwankender Gang. Ob das allerdings vor oder nach einem heimlichen Beizengang war, wird wohl nie zweifelsfrei abgeklärt werden können. Nun, ganz so schlimm war es sicher nicht. Aber leiden mussten sie ganz gewiss, denn der real vorhandene Durst am Abend beim wohlverdienten Nachtessen lieferte diesbezüglich ein erdrückendes Indiz.

Wir sind nochmals beim Italiener und der schönen Kellnerin eingekehrt. Weil wir da kulinarisch verwöhnt werden. Morgen werden die allermeisten von uns schon nach dem Frühstück heimreisen. Leider. Zu einem merken sie die Kilometer in den Beinen sowie die Stunden im Sattel der letzten drei Tage und zum andern sind die Wetterprognosen nicht so ermutigend. Schon am Vormittag seien Gewitter möglich, vor allem in den Bergen. Für Hanny und Peter aber ist das noch nicht gegessen. Mit grosser Wahrscheinlichkeit werden sie morgen nochmals in die Rennhosen steigen und genau die Zusatzschlaufe von gut 35 Km absolvieren, auf welche Edi heute richtigerweise mit uns verzichtet hat. Jetzt aber geht es nicht gleich nach Bettwiesen, sondern direkt ans Füssener Stadtfest, das gross aufgezogen worden ist. Haben wir uns doch verdient oder?

4. Tag: Hanny und Peter starten durch. Die andern verpassen etwas.

Den Tapferen und Mutigen gehört die Welt. Das trifft heute speziell auf Hanny und Peter zu. Sie steigen nochmals aufs Rad für die Ochsenplatzrunde. Spätestens bei genauerem Hinsehen auf die Karte muss man zur Überzeugung kommen, dass das eine Tour mit absoluten Bike-Leckerbissen ist. Edi würde das jederzeit unterschreiben. Aber lesen wir selber, was mir Hanny dazu schreibt:

„Lieber Max. Es war einfach hammermässig!!! Nach einer flachen Genusstour (…vom Vortag, meint sie wahrscheinlich. Die Red.) erwartete uns eine richtig knackige Mountainbike-Tour. Die Strecke mit rund 700 Höhenmetern und 18 Grad Steigung pedalten wir tapfer durch. Bei der Jägerhütte Bleckenau, dem Kulminationspunkt, erwartete uns ein Eldorado für jeden Biker, umgeben von Allgäuer und Bayern Alpen. Der Abstieg zum Schützensteg meisterte Peter problemlos. Scheinbar mühelos hüpfte er über Wurzeln, Felsplatten und Geröll. Ich entschied mich für die Hasenfussvariante, das hiess: schieben!!! Unten beim Plansee mussten wir unsere Kräfte wieder auftanken. Aber nicht lange, denn ein Gewitter war im Anmarsch. So drückten wir die letzten 25 Km noch kräftig durch. Das Gewitter holte uns nicht mehr ein!!! Peter und ich sind uns einig, das war die Krönung der schönen Bike-Tage 2007. Liebe Grüsse. Hanny“

Hanny’s Kommentar ist natürlich selbstredend. Schwarz auf weiss steht da geschrieben, dass wir, die wir viel zu früh nach Hause gefahren sind, das Sahnestück der diesjährigen Bike-Tour verpasst haben. Ich gehe nicht davon aus, dass der Leser/die Leserin jetzt darob höhnisch lacht. Ein gewisses Schmunzeln ist aber sowohl erlaubt als auch angebracht. Vielmehr sehe ich die Frühheimkehrer vom Sonntagmorgen - ich gehöre ja auch dazu - sich betreten auf die Brust klopfen und etwas bestimmtes murmeln, das da heissen soll: mea culpa! Hanny und Peter gratuliere ich verdientermassen zum gelungenen Ritt und sage stellvertretend für die Andern: “Wir sind stolz auf euch“.

Zum Abschluss
Freude herrscht, einmal mehr. Wir durften miteinander eine wunderbare Zeit
in einer fantastischen Gegend verbringen. Wir haben alles richtig genossen, aber auch schätzen gelernt. Es war einfach schön. Darüber hinaus sind wir von jeglichen Blessuren oder Schlimmeren bewahrt worden. Das ist nie selbstverständlich.

Ein Blick um uns herum sagt alles: Wir leben in einer wirklich privilegierten Zeit und Welt mit wunderbarer Natur, absoluter Freiheit und zivilisierten Menschen. Das ist doch ein verdammt gutes Fundament für weitere tolle Bike-Touren im Club oder? Nächstes Jahr ist wieder die Schweiz dran. Vielleicht das Bündnerland, Engadin oder so. Den Bikerkolleginnen/Biker-kollegen im Allgemeinen und Edi im Besonderen gebührt ein ganz grosses Kompliment und ein ebenso grosses „Danke schön“ für Alles, was sie für das hervorragende Gelingen der SCH-Bike-Tour beigetragen haben.

Maximilian Brand

 
   
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